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Vormoderne

Den Kelten folgten in Mitteleuropa die Römer.Nachdem Cäsar den linken Niederrhein erobert hatte (58 – 51 v. Chr), ließ sich hier in Tönisvorst der germanische Volksstamm der Tungerer (auch Cugerner genannt) als römische Föderaten nieder. Sie sollen die erste geschlossene Siedlung in Tönisvorst errichtet haben. Zeugnis hierfür ist ein Feld mit rund 200 Brandgräbern „An Hinkes Weißhof“. In diesem fand man Beigaben wie Parfumfläschchen, bunte Glasperlen einer Schmuckkette und verzierte Bronzefibeln. Fotos hiervon sind heute im Vorster Rathaus ausgestellt. Man nimmt an, dass die Germanen ihren Göttern dort huldigten, wo auch heute eine Kirche steht: die des Heiligen St. Gotthardus in Vorst.

Franken

Im fünften Jahrhundert nach unserer Zeitrechnung zogen sich die Römer aus Niedergermanien zurück und die Franken (ein Zusammenschluss germanischer Volksstämme) eroberten das Land. Bei ihrer Landnahme in hiesiger Gegend legten sie in Form der Einzelhofsiedlung ihre noch recht bescheidenen Gehöfte an. Nicht wenige der heutigen Bauernhöfe, die sich an den Rändern der Niederungen und in der Nähe ehemaliger Bachläufe befinden, haben ihren Ursprung in einem fränkischen Siedlungshof.

Später, im 900 Jahrhundert, sollen sich die Franken in die schwer zugänglichen, sumpfigen Niederungen zurückgezogen haben. Hier errichteten sie auf natürlichen Erhebungen, den Donken - oder auf „Motten“ - künstlich angelegten, wasserumwehrten Erdhügeln - Wohn- und Wehrtürme aus Lehmflechtwerk und Holz. Da das Holz im Laufe der Jahrhunderte verrottete, ging man dazu über, diese Wehrbauten aus Stein zu errichten und baute Burgen. Diese wie die Höfe erhielten oftmals einen Berfes, auch bekannt als Bergfried. Das war ein Wehrturm, der bei Gefahr Schutz für Hab und Gut und auch das eigene Leben sowie das der Angehörigen bot. Beispiele hierfür sind der Berfes vom Gelleshof, von Haus Donk sowie vom Koitzhof in der Huverheide.

Mittelalter und frühe Neuzeit

Das Land, auf dem sich schließlich Vorst und St. Tönis entwickeln, wird – wie oben erwähnt - mit Eroberung durch die Franken Teil des ihres Großreichs, das um 500 sein Zentrum in Köln hat. Die Franken unterteilen ihr Land in Gaue. Für das Rheinland und Umgebung sind dies insbesondere Jülich-, Zülpich- und Kölngau. Tönisvorst soll wie Kempen, Viersen und Nettetal zur Mülgau (auch Mühlgau geschrieben) gehört haben. Die Gaus ihrerseits unterteilten sich in Hundertschaften oder Honschaften, bäuerliche Verwaltungseinheiten, dem eine Hönne oder Bürgermeister vorstand, dem unter anderem die Gerichtsbarkeit oblag. Kempen, das in der Folgezeit an die Kölner Erzbischöfe als Grundherrn gelangt und schließlich Amt Kempen heißt, bestand aus den sechs Honschaften Schmalbroich, Broich, Orbroich, Benrad, Große und Kleine Honschaft. Vorst entwickelt sich auf dem Gebiet der „Großen Honschaft“. Als Kristallisationspunkt für das mittelalterliche Vorst wirkt das Herrenhaus Brempt - wohl auf einem der wasserumwehrten Turmhügelburgen fußend. Seinen Namen erhielt der Ort von den bewirtschafteten Wäldern um das Herrenhaus Brempt. In mittelhochdeutscher Schreibweise wurde jener Wald als Vorst bezeichnet (im Gegensatz dazu der natürliche Wald, der Boosch).

St. Tönis dagegen entstand in der „Kleinen Honschaft“ und hat seinen Namen letztlich der Heide zu verdanken. Der Gründungslegende nach war es ein Schafhirt, der eines Morgens aus einem Wacholderstrauch Gesang hörte und darin das Bildnis des Heiligen Antonius fand. An dieser Stelle wurde daraufhin eine Kapelle errichtet - dort, wo heute die St. Cornelius Kirche steht. Anderen Interpretationen zufolge war das Land, auf dem heute St. Tönis zu finden ist, seinerzeit Allmende des Amtes Kempen (Allmende: Teil der Gemeindeflur, die gemeinsam genutzt wird), in der hauptsächlich Schweine grasten. St. Antonius, Schutzheiliger der Haustiere und meist mit Schweinen abgebildet, könnte auch auf diese Weise Namensgeber geworden sein. Es wird angenommen, dass man für die umliegenden Höfe eine schneller zu erreichende Kapelle gebaut hat. Die Kirche wurde mit der Zeit zur Keimzelle für die weitere Entwicklung.

Was die Entwicklung der Kirche betrifft, so erhielt Vorst im Gegensatz zu St. Tönis schon 1131 vom Kölner Erzbischof Friedrich I. Reliquien des heiligen Godehard für die eigene Kirche, während St. Tönis erst 1380 von Friedrich von Saarwerden die Genehmigung zum Bau einer Kapelle erhält.  Mit Erwerb  der Pfarrechte (1528 für St. Tönis und 1559 für Vorst) erhielten beide Orte auch ein Stück mehr Entwicklungsfreiheit.

Wie schon in den Zeiten zuvor, lebten die Menschen von der Landwirtschaft. Neben Ackerbau und Viehzucht gedieh insbesondere der Flachs, der den Grundstoff für Leinen lieferte und ein wichtiger Ausgangspunkt für die spätere Textilindustrie vor Ort werden sollte. Beim Ackerbau herrschte bislang die Zweifelderwirtschaft vor: während die eine Hälfte des Landes bebaut werden konnte, musste die andere brach liegen. Unter diesen Bedingungen waren viele Böden erschöpft. Die später im Mittealter eingeführte Dreifelderwirtschaft - mit technischen Modernisierungen, wie dem Ersatz des Holzpfluges durch ein Räderflug aus Eisen -, führte zu einer Steigerung der landwirtschaftliche Produktion. Dabei handelte es sich um ein Fruchtfolgesystem, bei der im Turnus ein Feld mit Sommergetreide, ein Feld mit Wintergetreide bestellt und eines brach gelassen wurde. Die Dreifelderwirtschaft war noch vor der Agrarmodernisierung in weiten Teilen Mittel-, Nord- und Osteuropas verbreitet.

Neuzeit und Reformation

Das Ende des Mittelalters ist gekommen, es beginnt die Neuzeit. Deutschland ist nach wie vor kein zusammenhängender Staat wie Spanien oder Frankreich, sondern besteht aus sieben verschiedenen geistlichen (Erzbischöfe Köln, Trier und Mainz) und weltlichen Fürstentümern (z.B. König von Böhmen, Pfalzgraf bei Rhein). Es wird auch gerne als „Flickenteppich" bezeichnet. Diese Fürsten wählen den Kaiser des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation, der vom Papst gekrönt wird. Das Heilige Römische Reich Deutscher Nation ist bis 1806 die offizielle Bezeichnung Deutschlands.

Die existierende Katholische Kirche wird dem Bild, das Gläubige vom der einfachen Lebensweise Jesus Christus haben, nicht mehr gerecht. Die Reformation, unter anderem durch die Thesen Martin Luthers in Bewegung gesetzt, beginnt. Die mittelalterliche Glaubenseinheit zerfällt. Es kommt in der Folge zu Auseinandersetzungen zwischen Katholiken und Reformisten bis hin zu Glaubenskriegen. Infolge der Reformationsbewegung werden die Nordprovinzen der Niederlande protestantisch, erklären ihre Unabhängigkeit und beginnen einen Freiheitskampf gegen das katholische Spanien. Die Reformbewegungen erreichen auch das ferne Köln. Der Grundherr von Vorst und St. Tönis, der Kölner Erzbischof und Kurfürst Gebhard von Truchess, bekennt sich daraufhin zu den Reformisten, was aber nicht ohne böse Folgen für das Erzbistum Köln bleibt, denn daraufhin wird er vom Papst und Deutschen Kaiser sämtlicher Ämter enthoben. Truchess verbündet sich daraufhin mit den Niederlanden sowie dem ebenfalls reformierten Grafen von Moers. In Köln wird derweil Ernst von Bayern als Kölner Kurfürst eingesetzt. Es kommt zum Kampf zwischen den protestantischen Truppen um den ehemaligen Kölner Kurfürsten Truchess und dem neuen Statthalter Kölns, Ernst von Bayern - und das ausgerechnet in unmittelbarer Nachbarschaft von Tönisvorst:

Bei Hüls besiegt Truchess mit Adolfs von Moers den neu eingesetzten Kurfürsten von Köln, Ernst von Bayern. Die Folge: Söldner beherrschen das ungeschützte Land des Amtes Kempen und plündern in der Folge Vorst und stecken die 1482 erbaute gotische Kirche in Brand. Nach dem Truchessischen Krieg (1582 – 1589) kommt es jahrelang immer wieder zu Plünderungen in Vorst und St. Tönis durch niederländische Truppen und Truppeneinquartierungen.

1618 - der 30-jährige Krieg nimmt seinen Lauf

Ab 1618 kommt es zu konfessionellen Kriegen  zwischen Katholiken und Protestanten im Zuge der Reformation unter der Führung Luthers. In Tönisvorst bleibt es allerdings lange ruhig - bis 1642, dem „Hessenjahr“. In diesem Jahr bricht der 30-jährige Krieg mit voller Wucht in Tönisvorst ein. Es kommt zur Schlacht an der Landwehr zwischen Krefeld und St. Tönis (Hückelsmay), eine Landwehr, die man bereits im 15. Jahrhundert zum Schutze des Amtes Kempen errichtet hatte. Die protestantische Seite, bestehend aus französischen, hessischen und weimarerischen Truppen, beziehen auf kurkölnischem Land - nämlich hinter der Landwehr der „Großen Honschaft“ - ihr Winterquartier. Derart provoziert, ruft daraufhin der Kölner Erzbischof die kaiserlichen Truppen zu Hilfe, um die Fremden zu vertreiben. Die kaiserlichen Truppen stellen sich in dem heutigen Forstwald, also nördlich der Landwehr auf. Die Franzosen und Hessen allerdings besiegen die katholisch-kaiserlichen Truppen und verwüsten anschließend Höfe und Dörfer des Amtes Kempen, so auch Vorst und St. Tönis. In St. Tönis fällt die Kirche den Flammen zum Opfer. Endgültige Ruhe tritt sechs Jahre später ein, als es zum Westfälischen Frieden kommt und die Niederlande unabhängig werden.

1756 – 1763 Siebenjähriger Krieg

In dem „Flickenteppich“ des damaligen Deutschland kommt es immer wieder zu neuen Allianzen. Die Kölner Kurfürsten suchen Anlehnung bei Frankreich. Schließlich verbündet sich der Kölner Kurfürst Clemens mit Ungarn, Österreich, Böhmen gegen das stärker werdende Preußen, bis 1756 Frankreich und Österreich Preußen den Krieg erklären. Hintergrund: Friedrich II, genannt der Große, eroberte im Jahre 1740 Schlesien (heute Polen), wodurch er in Konflikt mit Österreich, und durch verschiedene Bündnissysteme mit anderen europäischen Großmächten wie etwa Frankreich oder Großbritannien, geriet (es folgten die drei sogenannten schlesischen Kriege). Um einen erneuten Angriff zuvorzukommen, marschierte Friedrich II. 1756 in Sachsen ein: der Beginn des siebenjährigen Krieges (1756 – 1763). Preußen gewinnt eine der entscheidenden Schlachten auf Tönisvorster Boden, und zwar an der Hückelsmay auf der St. Töniser Heide, bei der Herzog Ferdinand von Braunschweig im Frühjahr 1758 mit 30 000 Mann die um 17 000 Mann stärkere Armee der Franzosen unter Graf Clermont besiegt. Die Franzosen ziehen sich nach Köln zurück, Vorst und St. Tönis fallen an Preußen.

Französische Revolution (1789) und Napoleon erobert den linken Niederrhein (1794)

Es ist die Zeit nach der Französischen Revolution, Napoleon regiert Frankreich. 1794 erobern Napoleons Truppen das linke Rheinufer und gliedern 1798 auch das zu Kurköln gehörende Vorst in St. Tönis ein. Beide zählen von nun an zum Arrondissement (Verwaltungsbezirk) Krefeld. Vorst und St. Tönis werden Mairie (Bürgermeisterei). 1801 erkennt der deutsche Kaiser im Frieden von Lunéville die französischen Eroberungen an und tritt das linke Rheinland an Frankreich ab. Umwälzende Reformen werden eingeführt. Die Mairie erhält 1804 ein neues Gesetzbuch, den „code civil“. Außerdem ist die Amtssprache von nun an Französisch, wie auch heute noch anhand alter Personenstandsbücher im Tönisvorster Standesamt zu erkennen ist.

Vierzehn Jahre währte das französische Regiment, bis Napoleon 1813 verbannt wird. Danach wird die Neuordnung Europas unter dem Aspekt der Wiederherstellung der vorrevolutionären Ordnung nötig. Das geschah auf dem Wiener Kongress 1815. Die territoriale Neugliederung sah vor, dass das Rheinland an Preußen fällt. Das preußische Verwaltungssystem löst die Honschaft auf und bildet den Kreis Kempen, zu dem auch Vorst und St. Tönis gehören.

Quellennachweis:

Clive Bridger: Das römerzeitliche Gräberfeld "An Hinkes Weißhof" Tönisvorst-Vorst, Kreis Viersen, 1996, Veröffentlichung des LVR, Köln.

Bechert, Tilmann: Asciburgium - Ausgrabungen in einem romanischen Kastell am Niederrhein, 1974, Duisburg.

Franz Dohr: Vorst, aus der Geschichte einer Gemeinde, 1979.

Geuenich, Dieter (Hrsg.): Der Kulturraum Niederrhein. Von der Antike bis zum 18. Jahrhundert, 1998, Duisburg

Paul Wietzorek: "St. Tönis 1188-1869", 1991, Horb am Neckar.

Willi Schmidt: "Von anno dazumal bis heute, Band 1, 1988, Krefeld.

Willi Schmidt: "Von anno dazumal bis heute, Band 2, 1990, Krefeld.

Oberkreisdirektor des Kreises Viersen (Hrsg.): Heimatbuch des Kreis Viersen, 47. Folge, 1996.

Denkmalakten der Stadt Tönisvorst.

Heimatbund St. Tönis (Hrsg.): Heft Nr. 92, 71 und 20.

 

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Impressionen aus Tönisvorst