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Moderne

Das 19. Jahrhundert und die Wunder moderner Technik

Schon im 19. Jahrhundert ein Bürgermeister für Vorst und St. Tönis:
Gerhard Seulen, Major a.D. (1796-1865)

Fast jeder kennt die Seulenstraße in Vorst oder den Seulenhof in St. Tönis. Was kaum einer weiß: Schon vor der kommunalen Neugliederung von 1970 wurden Vorst und St. Tönis gemeinsam verwaltet. Von 1823 bis 1851 und später nochmals von 1863 bis 1865 führte Bürgermeister Gerhard Seulen, Major a.D. (1796-1865) gleichermaßen die Geschicke von Vorst und St. Tönis vom Koitzhof (Seulenhof) in der Huverheide aus. Durchgehend stand er von 1823 bis 1865 der Gemeinde St. Tönis vor. Auch wenn Gerhard Seulen zugleich Kreisdeputierter des Kreises Kempen und Abgeordneter des Allgemeinen Landtages in Berlin war: Das Bürgermeisteramt galt als sein „Lieblingsacker“.

Gerne bezeichnete man ihn als „Schrecken der Übeltäter“. Seulen war Bürgermeister zu einer Zeit, als das Schwungrad der Industrialisierung ans Laufen kam. Zwei Drittel der Bevölkerung arbeiteten als Seidenweber im nahen Krefeld. Bürgermeister Gerhard Seulen soll mit großer Umsicht und einem wachen Auge auf das allgemeine Wohl gewirkt haben. Als es Mitte des 19. Jahrhunderts zu einer Krise in der Textilwirtschaft aufgrund von Mechanisierung und Absatzproblemen kam, geriet St. Tönis in eine Notlage. In diese Zeit fällt die Gründung eines Unterstützungsvereins, um „die arbeitende Klasse vor Arbeits- und Brodlosigkeit zu bewahren!“. Man gab allen Arbeitslosen durch die Fertigstellung von „Wasser- und Wegebauten“ die Gelegenheit, sich Geld zu verdienen. Bezahlt wurden die „Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen“ aus öffentlichen Mitteln.

Die Familie Seulen blieb beiden Orten erhalten, übernahmen doch die beiden Söhne Jacob und Franz die jeweilige Stelle des Bürgermeisters in St. Tönis und Vorst. Heute erinnert ein Gedenkstein auf dem Seulenhof an das Wirken des Bürgermeisters Gerhard Seulen. Und das Denkmal an der Hückelsmay. Denn das soll vor allem auf seine Initiative hin errichtet worden sein.

Mühlentradition

Nur noch die wenigsten Städte können noch eine Mühle aufweisen, obwohl es sie früher an jedem Ort gegeben hat. Denn Getreide in großen Mengen zu mahlen erfordert eine Mühle. Um 1000 unserer Zeitrechnung waren Wassermühlen, die die Römer einst in die germanischen Rheinprovinzen gebracht hatten, verbreitet. Gute 500 Jahre später kamen  nach den Wassermühlen die Windmühlen auf. Allerdings auch nur dort, wo ausreichend Wind zur Verfügung stand. In Tönisvorst weist die Streuff-Mühle als standhafte Zeugin auf eine 500-jährige Windmühlentradition hin. Sie stand vor dem damaligen Niedertor am einstigen Mühlenweg. Eigentümer war der Kölner Erzbischof als Grund- und Landesherr, der die Mühlenrechte besaß und das Bauwerk jeweils gegen entsprechende Abgaben verpachtete. Eine damals recht gewinnbringende Einnahmequelle für den Landesherrn, da zudem die Bauern der Honschaft gegen eine entsprechende Abgabe ihr Getreide mahlen lassen mussten. Erst als die Franzosen die Herrschaft am linken Niederrhein übernahmen und damit die Säkularisation kam (Trennung von Staat und Kirche), kam die Mühle in privaten Besitz.

Die erste urkundliche Erwähnung einer Windmühle in der St. Töniser Heide erfolgt 1479. Sie soll seinerzeit auf dem Ühlenberg am Weg nach Vorst gestanden haben. Dabei handelte es sich um eine Bockwindmühle. Diese Mühle soll - nachdem der Kölner Kurfürst es offenbar verpasst hatte, sie zu einer leistungsfähigen Mühle auszubauen - im 18. Jahrhundert niedergebrannt sein.

Die zweite kurfürstliche Mühle ist die bereits genannte Turmwindmühle an der Gelderner Straße, die Streuff-Mühle, die noch bis 1945 Getreide für das tägliche Brot der Bevölkerung gemahlen hat. 1865 wurde eine weitere Windmühle an der heutigen Mühlenstraße gebaut. Dort stand sie noch bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges.

Kleine private Mühlen hat es auch gegeben - zum Mahlen von Raps. Eine solche vermutet man hinter dem riedgedeckten, achteckigen Bau von Groß Lind. Dabei soll es sich um einen Pferde-Göpel gehandelt haben: eine von Pferdestärken angetriebene Mühle. Mit einem solchen Drehwerk zum Mahlen von Getreide hat man sich bereits vor Jahrtausenden beholfen, vor Entdeckung der Wassermühle. Anderen Berichten zufolge soll es sich aber bei der Rundscheune von Groß Lind um einen Rübenkeller handeln. Einen solchen Pferdegöpel soll es auch auf dem Meerhof gegeben haben.

Die Blütezeit der Windmühlen in Tönisvorst tritt im Zuge der Industriellen Revolution im 19. Jahrhundert durch die Erfindung der Dampfmaschine, des Verbrennungsmotors und des Elektromotors ihr Ende an. Großmühlen bilden mit ihrer um ein Vielfaches größeren Leistungsfähigkeit eine übermächtige Konkurrenz. So lässt auch Heinrich Mertens 1873/1874 am Wilhelmplatz eine große Dampfmühle erbauen, die Öl und Getreide gewann und sogar einen eigenen Bahnanschluss hatte.

Das 19. Jahrhundert- Aufbruch ins moderne Zeitalter der Industrie

Für die Menschen des Mittelalters ein unvorstellbarer Traum: Dass tierische und menschliche Arbeitskraft einmal vollständig ersetzt werden könnten - und das, auch noch um ein Vielfaches. Erfindungen wie die Dampfmaschine von James Watt oder aber die „Spinning Jenny“ im 18. Jahrhundert ermöglichten die Neuorganisation von Arbeits- und Produktionsprozessen. Damit nahm die Industrielle Revolution ihren Lauf. Von England ausgehend, ergriff sie bald ganz Europa und veränderte schließlich das Gesicht der Welt - und die Gesellschaft.

Die 1746 erfundene „Spinning Jenny“ - eine Spinnmaschine, die mehrere Baumwollfäden parallel spinnen konnte - und der erste mechanische Webstuhl (1823) fielen in Tönisvorst - wie am gesamten Niederrhein auf fruchtbaren Boden. Gehörten der Flachsanbau und die Leinenweberei von je her zur bäuerlichen Produktion in Mitteleuropa, entwickelte sich die Leinenweberei in einigen Regionen - wie dem Niederrhein - zum wichtigen Nebenerwerb. So prägte in Tönisvorst sowohl die Leinen- als auch die Wollweberei seit dem 16. Jahrhundert zunehmend das Wirtschaftsleben. Der Flachs - der gut auf dem hiesigen Boden gedieh - wurde geerntet, auf Kämme gezogen, in Flachskuhlen gelegt (unter Wasser, damit sich die Faser von der Rinde und dem holzigen Kern trennt), daraufhin getrocknet, gebrochen und in einzelne Stränge gezogen und dann letztendlich gesponnen.

Mit Einführung der Seidenweberei in Krefeld begannen sich vorindustrielle Produktionsweisen herauszubilden: in Form der Hausweberei für die Krefelder Seidenindustrie. So arbeiteten die Weber meist für einen Verleger, von dem sie - gemietet oder verkauft - einen Handwebstuhl und Rohmaterial erhielten und nach Stücklohn bezahlt wurden. In St. Tönis wurde die Handweberei schließlich Hauptbeschäftigung der Bevölkerung. Demnach wurde St. Tönis eine Gemeinde, die nahezu völlig von der Seidenindustrie abhängig war. Mit der Einführung des mechanischen Webstuhls allerdings waren die Tage der Hausweberei gezählt. Durch die Entstehung der Fabriken inklusive mechanischem Webstuhl wurden die privaten Webstuben verdrängt und immer mehr Weber durch Maschinen ersetzt.

Im 19. Jahrhundert hält eine weitere technische Errungenschaft Einzug in Tönisvorst: Die Eisenbahn, von der auch heute noch ein Stück Schienenstrang existiert (Schluff). Wurde 1804 weltweit die erste Lokomotive in Betrieb genommen, kam der Anschluss ans Eisenbahnnetz in Tönisvorst allerdings erst im Jahre 1870/71. Die „Crefeld-Kreis-Kempener-Industrie-Eisenbahn“ wurde vom Volksmund in „Schluff“ getauft. Angeblich weil das Zischen der Dampflok sich wie das Schlurfen von Pantoffeln anhört. Vom ehemaligen ca. 50 km langen Streckennetz ist heute noch die Verbindung St. Tönis – Hülser Berg (etwa 13,6 km) erhalten geblieben. Das ehemalige Industrie-Transport-Fahrzeug (Einstellung 1951) wird heute vornehmlich zu Ausflugszwecken genutzt.

Das letzte Jahrhundert

Die beiden Weltkriege bestimmten das Leben in der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts. Beide Orte wurden besetzt und von Angriffen heimgesucht. Beim zweiten Weltkrieg vor allem zum Ende hin. Nach der Besetzung durch amerikanische und später britische Alliierte, werden das Rheinland und Westfalen 1946 zu Nordrhein-Westfalen zusammen gelegt.

Der Zusammenschluss beider Kommunen 1970 brachte neun Jahre später die Stadtrechte mit sich. Somit ist Tönisvorst im eigentlichen Sinne eine junge Stadt.

Vorst und St. Tönis – zwei Ortschaften wurden miteinander verbunden, deren jeweilige Geschichte zuvor ohnedem schon so manche Parallelen aufwies. St. Tönis war jedoch ein schnelleres Wachstum beschieden, vor allem zu Beginn des 20. Jahrhunderts, wogegen Vorst seinen ländlichen Charme mit entsprechendem Erholungs- und Freizeitwert erhalten konnte.

Obwohl aus zwei ehemals eigenen Gemeinden entstanden , bietet Tönisvorst ein homogenes Bild und lädt ein, ein starkes Stück Niederrhein zu erleben, sei es auf einer Radtour oder einer Fahrt mit der historischen Eisenbahn.

Wenn Sie nähere Informationen zur Stadtgeschichte haben möchten, empfiehlt sich ein Besuch bei unseren Experten: Der Heimatverein Vorst und dem Heimatbund St. Tönis.

Quellennachweis:

Clive Bridger: Das römerzeitliche Gräberfeld "An Hinkes Weißhof" Tönisvorst-Vorst, Kreis Viersen, 1996, Veröffentlichung des LVR, Köln.

Bechert, Tilmann: Asciburgium - Ausgrabungen in einem romanischen Kastell am Niederrhein, 1974, Duisburg.

Franz Dohr: Vorst, aus der Geschichte einer Gemeinde, 1979.

Geuenich, Dieter (Hrsg.): Der Kulturraum Niederrhein. Von der Antike bis zum 18. Jahrhundert, 1998, Duisburg

Paul Wietzorek: "St. Tönis 1188-1869", 1991, Horb am Neckar.

Willi Schmidt: "Von anno dazumal bis heute, Band 1, 1988, Krefeld.

Willi Schmidt: "Von anno dazumal bis heute, Band 2, 1990, Krefeld.

Oberkreisdirektor des Kreises Viersen (Hrsg.): Heimatbuch des Kreis Viersen, 47. Folge, 1996.

Denkmalakten der Stadt Tönisvorst.

Heimatbund St. Tönis (Hrsg.): Heft Nr. 92, 71 und 20.

 

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Impressionen aus Tönisvorst